Die meisten Menschen haben Angst vor dem Scheitern. Sie fühlen sich als Versager, wenn etwas nicht klappt, oder sie einen Traum wieder aufgeben müssen.

In meinen Augen gibt es kein Versagen, kein Scheitern. Nichts bringt dich weiter, als etwas auszuprobieren und dann festzustellen, dass es doch nicht das Richtige war! Wie oft hast du schon gedacht „Hätte ich mich doch nur getraut, ihm/ihr meine Liebe zu gestehen“, „Würde ich doch nur den Mut aufbringen, mein Hobby zum Beruf zu machen“ oder „Wäre ich doch endlich stark genug, für meine eigenen Fehler einzustehen und mich aufrichtig zu entschuldigen“?

Ich persönlich finde Scheitern super. Ich bin schon viele Male gescheitert und sehr froh darüber. Nach einer anfänglichen kurzen Welle negativer Gedanken hat mich bisher jedes Scheitern weitergebracht und ich bin sehr dankbar darüber, jede einzelne Erfahrung des „Versagens“ gemacht haben zu dürfen.

„Einen Versuch wagen und dabei scheitern bringt zumindest einen Gewinn an Wissen und Erfahrung. Nichts riskieren dagegen heißt einen nicht abschätzbaren Verlust auf sich nehmen – den Verlust des Gewinns, den das Wagnis möglicherweise eingebracht hätte.“ Chester Barnard

Hier ein kleiner Auszug meines Lebenslaufes des „Scheiterns“:

Zweitstudium? Oder auch nicht.

Vor ein paar Jahren hatte ich den drängenden Wunsch, Fotografie zu studieren. Der Gedanke daran ging mir jahrelang im Kopf herum und ich dachte: Wenn ich es nicht wenigstens probiere, werde ich mir ewig Vorwürfe machen! Während ich also bereits Vollzeit als selbstständige Webdesignerin arbeitete, steckte ich viel Zeit in meine Mappe und bewarb mich. Ich wurde abgelehnt. Doch anstatt aufzugeben, habe ich eine noch bessere Mappe erstellt, mich nach weiteren Studienorten umgesehen und mich dann erneut beworben. Meine zweite Bewerbung war erfolgreich, ich wurde angenommen und das auch noch in meiner Traumstadt Berlin! Also zog ich in die Hauptstadt und begann zu studieren. Es war eine Privatschule und um alle Unkosten zu decken, musste ich nebenbei viel arbeiten. Meine Webdesign-Firma wurde dadurch immer erfolgreicher und nach kurzer Zeit steckte ich täglich in Büros großer Agenturen anstatt in der Fotografieschule. Also brach ich das Studium wieder ab und widmete mich meiner Selbstständigkeit bzw. dem wilden Leben in Berlin. Bereut habe ich bis heute keine dieser Entscheidungen. Ohne meine Bewerbung wäre ich niemals nach Berlin gekommen, hätte meinen Freund nicht kennengelernt und meine wunderbare Tochter nicht bekommen!

Meine erste Firma

Meine eigene Webdesign-Firma lief richtig gut, ich hatte täglich mit Kreativen verschiedenster Branchen und mit namhaften Kunden zu tun und fühlte mich „erfolgreich“. Aber als ich dann in Elternzeit ging kam alles anders. Das Elternjahr neigte sich dem Ende zu und der Gedanke an meine „ehemalige Arbeit“ erfüllte mich mit Angst und Panik. Ich bekam richtige Angstattacken und wollte auf keinen Fall in diesen Beruf zurück. Also bestellte ich mir haufenweise Bücher zum Thema Selbst- und Berufsfindung und arbeitete jedes einzelne von vorn bis hinten durch. Danach stand für mich fest: Ich möchte meine Firma aufgeben und in einem ganz neuen Bereich nochmal von vorn starten. So kam es vor zwei Jahren zur Gründung meines Kreativblogs und Schnittmuster-Labels „Kreativlabor Berlin“. In der Zeit mit meinem Label habe ich zahlreiche wunderbare Menschen getroffen und viel über das Bloggen, meine Berufung und Talente gelernt. Am Wichtigsten war für mich zu sehen, dass ich alles schaffen kann, wenn ich es will. Das alles wäre ohne die „Aufgabe“ meiner ersten Firma nicht möglich gewesen.

Und sonst so

Natürlich bin ich auch außerhalb des Berufslebens des Öfteren gescheitert. Ich brauchte sechs Anläufe in einem Zeitraum von acht Jahren, um endlich von Zigaretten loszukommen. Ich wollte mit verschiedenen Diäten eine Modelfigur erreichen und stellte fest, dass mir ein genussvolles Leben viel wichtiger ist, als superschlank zu sein. Ich war viele Male unglücklich verliebt und hoffte auf ein Wunder, das natürlich nicht eintraf – zum Glück, denn die jeweiligen “Traumprinzen“ hätten gar nicht zu mir gepasst!

Mein Fazit ist: Wenn ich das Verlangen danach habe, etwas zu tun oder auszuprobieren, dann mache ich es auch. Es fühlt sich dann entweder gut an oder nicht und daraus kann ich meine Schlüsse ziehen. Das ist mir tausend Mal lieber, als wenn ich jahrelang darüber nachgrüble, ob ich Sache X denn nun doch mal versuchen sollte oder es mir besser ergangen wäre, wenn ich Sache Y gemacht hätte.

ALLES was du tust, ist richtig! Jede Entscheidung bringt dich auf dem Weg zu dir selbst weiter, egal ob sie sich als „richtig“ oder „falsch“ entpuppt (meiner Meinung nach gibt es jedoch keine falschen Entscheidungen). Erst wenn du etwas ausprobiert hast, weißt du ob diese Sache zu dir und deinem Leben passt oder eben nicht.

Das war heute mal ein etwas philosophischerer Beitrag und ich hoffe, er hat dir gefallen. Wie ist deine Meinung zum Scheitern?

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Work is not a job · Gedanken über Arbeit & Leben
„Mach mal bitte umsonst eine Anleitung“ · Gedanken über Magazin-Kooperationen
Mein neues Projekt: Der Blog über selbstbestimmtes Leben & Arbeiten

16 Kommentare

  • Ohne scheitern kommt man nicht vorwärts, das ist meine Meinung! Hast du toll geschrieben und schön zu sehen wie aus deinem scheitern großer Erfolg geworden ist!
    Liebe Grüße, Lee

  • Ja über das Scheitern, Aufgeben, Abbrechen kann man ja geteilter Meinung sein. Wer mit einer Firma scheitert und 50 TEuro in den Sand setzt sieht das anders, als jemand der jedes Jahr um den 10. Januar wieder in die Schachtel mit den „Beruhigungsstäbchen“ greift.
    Die Einordung des jeweiligen Vorgangs in sein persönliches (einziges) Leben kann aber wirklich hilfreich sein. Besonders, wenn man sich dabei eben NICHT als Verlierer sieht (was die Umwelt gern so beurteilt).

    In einer Uni-zeitung vor reichlich 30 Jahren las ich mal: „Wer nimmer nichts versucht, der weiß nicht was er kann“. Hing damals an meinem Zimmerschrank.

  • toller blogbeitrag, vieles spricht mir aus der seele. vor allem der abschnitt mit „das elternjahr neigt sich dem ende zu“ denn genau an dem punkt bin ich gerade. ich war vorher viele jahre freiberufliche webentwicklerin und bin mir grad nicht so sicher wie es weitergeht. hinzu kommt, dass ich seit einem halben jahr alleinerziehend bin. ich denke mir: die vergangenheit bereuen bringt sowieso nix und irgendwas wird sich schon ergeben. trotz einiger großer und kleiner dramen – so falsch kann es bis jetzt für mich nicht gelaufen sein denn ich habe eine supersüße und gesunde tochter! außerdem: „fest und stark ist nur der baum der dem wind ausgesetzt war denn der stetige kampf hat seine wurzeln gefestigt“ 🙂

    • Hallo Sissi, vielen Dank für ein Feedback! Es tut mir leid zu hören, dass du alleinerziehend bist. Ich stelle mir das schwierig vor, aber schätze dich auch als sehr stark ein – du wirst das bestimmt super meistern! Manchmal ist diese Entscheidung nicht zu umgehen und dann muss man das beste daraus machen. Wünsche dir und deiner Kleinen das Allerbeste!

      Liebe Grüße,
      Julia

  • Danke für diesen schönen, persönlichen Post.
    Ich bin bisher, glaube ich, noch nie „so richtig“ an irgendetwas gescheitert. Aber natürlich ist auch in meinem Leben hin und wieder irgendwas passiert, das auf den ersten Blick unerfreulich war und meine Zukunftsplanung in irgendeiner Form herumgerissen hat. Aber ich stelle auch immer wieder fest: Ohne diese Dinge wäre ich heute nicht dort, wo ich jetzt bin – räumlich ebenso wie von der persönlichen Entwicklung. Und eigentlich gefällt mir total gut, wo und wie ich bin.
    Das Leben geht immer weiter und manchmal stellt man fest, dass die neue Richtung total großartige Überraschungen für einen bereit hält – bei dir sind es vielleicht Berlin und deine Beziehung, bei mir sind es unter anderem ein tolles Praktikum, ein Studium in Bamberg und ein fantastisches Auslandssemester in Finnland. Nichts davon möchte ich missen.

    LG, Sabrina

    • Liebe Sabrina, danke für deinen tollen Kommentar. Wahrscheinlich kam dir Scheitern nie wie Scheitern vor, daher hast du es nicht bemerkt. Es ist ja auch meist nur ein „Scheitern“ in den Augen der Anderen. Wenn man das Beste aus jeder Situation macht, wächst man daran und wie du schon sagtest: es tun sich neue Türen auf.

      Liebe Grüße,
      Julia

  • Liebe Julia, ich mag philosophische Beiträge – eigentlich sind es genau die Blogbeiträge mit dem persönlichen Touch, die ich am allerliebsten lese. Da entsteht sowas wie Nähe oder auch nicht (Themaabhängig natürlich). Mit dem Scheitern ist es nur so eine doofe Sache, wenn man es gerade realisiert fühlt man sich schrecklich und meistens kann man es erst rückblickend richtig beurteilen und ja, es gab auch schon das eine oder andere Scheitern in meinem Leben, da ist der Nachgeschmack leicht bitter geblieben. Aber die Aussage von Chester Barnard (wer ist das nun wieder?) bekommt von mir 100 Punkte. Die drucke ich mir aus und hänge sie mir vor die Nase. Liebe Grüße, ich schau mir jetzt die Sonnenfinsternis an, sendet dir Ingrid

    • Hallo Ingrid, da hast du absolut recht. Im ersten Moment ist man geschockt, traurig, fühlt sich nicht gut. Aber hinterher eröffnen sich Welten und man kann es verstehen und richtig einordnen. Alles was passieren *soll*, passiert auch. Was nicht zu einem passt, klappt nicht und dieses „nicht klappen“ muss man versuchen anzunehmen. Die Sache passt dann einfach nicht zur eigenen Person / zum eigenen Leben.

      Liebste Grüße,
      Julia

  • Liebe Julia,

    ganz lieben Dank dafür, dass Du uns allen Deine persönlichen Gedanken zum Thema scheiter mitteilst.
    Entscheidungen treffe ich immer nach meinem Bauchgefühl, früher war das anders. Da war ich unsicher und hatte wenig Selbstbewustsein und habe mich deshalb oft nach den Meinungen andere gerichtet.
    „Ich vertraue darauf, dass alles zur richtigen Zeit und in richtiger Weise kommt.“
    Hab ein schönes Wochenende!
    Dorthe

  • Hallo Julia,
    da hast du absolut recht.
    ich bin eigentlich sonst auch eher ein sicherheitsliebender Mensch- habe dann aber erkannt, dass es sowieso keine Sicherheit/keine sichere Seite gibt… und etwas nicht zu tun und nie ein Risiko einzugehen, heisst eben auch ein Risiko einzugehen- nämlich das, so viele Chancen zu verpassen.

    Wie Du ja vielleicht mitbekommen hast, schliesse ich meinen Onlineshop wieder und von überall bekomme ich (eben viel sehr nettem Zuspruch) immer auch: oh, das ist ja schade, dass du aufhören musst.
    Ich MUSS aber gar nicht aufhören, ich habe diese Entscheidung getroffen… ohne es zu müssen, sondern weil ich es WILL. Ich habe mir den Markt lange angeschaut, ich beobachte die überdurchschnittlich wachsende Konkurrenz und ich höre auf mich, meine kaufmännischen Kenntnisse und mein Bauchgefühl und ich entscheide mich.

    Gescheitert ist für mich nur jemand, der seinen Weg, den er mal einschlagen hat, nicht korrigiert, auch wenn er weiss, dass er das eigentlich tun sollte.

    In diesem Sinne, liebe Grüße
    Christine

    • Liebe Christine, das hast du schön gesagt. Vor allem der letzte Satz „Gescheitert ist für mich nur jemand, der seinen Weg, den er mal einschlagen hat, nicht korrigiert, auch wenn er weiss, dass er das eigentlich tun sollte“ gefällt mir sehr gut. Es ist enorm mutig, eine eigene Firma zu schließen und weiterzuziehen. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft! Weißt du denn schon, was du als nächstes machen wirst?

      Liebe Grüße,
      Julia

  • Wie sehr du mir heute aus dem Herzen sprichst! Mein Scheitern begann, als ich einen Beruf erlernte, den meine Eltern für mich ausgesucht haben! Heute unvorstellbar, damals in den 70ern oft noch üblich! „Du bist ein Mädchen und wirst sowieso heiraten!“ … das hörte ich, als ich mein Abitur machen wollte, aber dazu angehalten wurde, Geld zu verdienen! 16 Jahre habe ich im Büro gesessen und jeden einzelnen Tag gehasst! Mit 33 – mit einem Kind und schwanger – habe ich endlich das studiert, was ich wollte! Auch ein Studium, was finanziert werden wollte. Mit 36 Jahren war ich dann endlich Journalistin! Mein Traumberuf … allerdings stellte ich schnell fest, dass es mit 2 Kindern unmöglich ist, eine Karriere zu machen. Also eröffnete ich eine Presseagentur, recht erfolgreich. Bis ich mich von meinem Mann trennte. Alleinerziehend und angeschlagen hielt ich uns jahrelang über Wasser. Kein Scheitern, sondern eine wichtige Erfahrung. Durch einen Unfall wurde ich zur Rentnerin mit gerade mal 45 Jahren. Schwerbehindert und resigniert! Um nicht verrückt zu werden, begann ich mit dem Nähen. Seit 2 Jahren mein neues kreatives Leben! Und ich bin glücklich! Niemals hätte ich gedacht, je wieder ein erfülltes Leben zu leben! Oft gescheitert und gestärkt daraus hervor gegangen. Niemals aufgeben und keine Angst davor haben, das alles mal schief gehen kann, denn aus allem negativen erwächst auch immer eine neue Chance!
    LG
    Frau H., die froh ist, das alles mal an dieser Stelle erzählen zu können

    • Hallo liebe Frau H., ich danke dir für diesen wunderbaren und sehr offenen Kommentar. Ich wusste nicht dass du einen Unfall hattest – es tut mir sehr leid. Das war sicherlich keine leichte Zeit. Du wirkst nun sehr glücklich und zufrieden und das freut mich unheimlich für dich! Schön, dass du nun deinen Weg gefunden hast und deine Geschichte mit uns geteilt hast. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft!

      Liebe Grüße,
      Julia

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